Wir schreiben eine Fortsetzungsgeschichte

Eine Fortsetzungs- geschichte ist eine Geschichte, die man mit noch einem oder mehreren Menschen gemeinsam schreibt. Wenn man zusammen eine Fortsetzungsgeschichte schreiben möchte, dann geht das so: Einer denkt sich einen tollen Geschichtenanfang aus und schreibt ihn auf. Nun ist ein anderer an der Reihe und schreibt ein bisschen weiter. Dabei soll jede Fortsetzung so um die 600 Zeichen incl. Leerzeichen sein. Dann darf wieder ein anderer schreiben. Alle arbeiten gemeinsam an einer Geschichte, die spannend, traurig, lustig oder gruselig wird. Am Ende der Geschichte muss es eine Antwort geben, auf die Frage “Wie soll das enden?”

Die Reihenfolge, wer schreibt den nächsten Absatz wird beim virtuellen Stammtisch besprochen und festgelegt.

Hier die Geschichte:

Wie soll das enden?
Eine Sommergeschichte: Was geschah auf der Alten Mainbrücke?

Als ich am Sonntagabend mit unseren Gästen die Alte Mainbrücke in Würzburg besuchen wollte, standen wir vor einer Schranke und einer großen Leuchttafel, auf der zu lesen war: „Zur Zeit sind alle Plätze besetzt. Warten Sie bitte, Sie werden platziert.“ Oha, diese Redewendung kannte ich. Lange Jahre ist es her. In den wenigen Gaststätten der DDR wurde man mit solchen Worten empfangen. Auch in den USA, lange vor Trump, war das so üblich. Was sollten wir nun machen?

Während wir uns etwas ratlos anschauten, drängelte sich ein riesiger 150-Kilo-Glatzkopf ziemlich robust durch den Haufen der Wartenden, drückte die Schranke auf und brüllte den Aufsichtsmann in einem fremden Idiom 1)Bedeutet: eigentümliche Sprache, Sprechweise einer regional oder sozial abgegrenzten Gruppe an. Als der sich offensichtlich weigerte, versetzt ihm der Riese einen brutalen Faustschlag ins Gesicht. Sofort dringt eine kleine Gruppe von Leuten, die dem Schläger folgen, nach und setzen sich auf die Brückenbrüstung, wo bereits ein älteres Paar am Schoppen nippt. Auch hier wird der ruhig abwartende Mann, ein unscheinbarer Mitsechziger angebrüllt. Dann aber kommt alles anders.

Der 19jährige Julian hatte seine Großeltern begleitet. Da er keinen Alkohol trank, war er als Fahrer sehr gefragt und wenn Oma und Opa begleitete, waren diese recht froh, wenn sie anschließend nach Hause gefahren wurden. Julian hatte eben einen Selbstverteidigungskurs erfolgreich beendet. Dass seine Großeltern beleidigt wurden, das wollte er nicht zulassen. Er stellte sich an die Mauerbrüstung und forderte den Riesen heraus. Der war wütend und wollte sich von so einem Bürschchen nichts sagen lassen. Er nahm Anlauf und wollte Julian packen. Der trat im letzten Moment einen Schritt zur Seite.

Die umstehenden Personen hielten die Luft an. Jeder rechnete damit, dass der riesige Mann über das steinerne Brückengeländer stürzen würde. Niemandem war zuvor die kleine schwarzhaarige Frau aufgefallen, die ein langes rotes Kleid trug und barfuß auf dem Kopfsteinpflaster stand. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus und ließ im selben Moment ihre hochhackigen Pumps fallen, die sie zuvor noch in der Hand gehalten hatte. Der Kopf des riesigen Mannes fuhr herum. Er erstarrte in seiner Bewegung, stand dann einfach da und blickte die Frau ungläubig an. Sie atmete schwer und streckte ihm zögernd ihre beiden Arme entgegen. Julian sah die Frau an. Danach richtete er seinen Blick auf den Mann.

In solchen Augenblicken verlangsamt sich die Welt für die Umstehenden fast zur Momentaufnahme. Das handelnde Personal folgt einem unverständlichen Algorithmus, ohne sich dessen bewusst zu sein. Zum einen ist da die Schnelligkeit der Aktionen, zum anderen deren Einfachheit, die jeder Beobachter anders wahrnimmt und erlebt: Rohheit und Eleganz, Alter und Jugend, die Masse und die Einzelnen, Grobheit und Feinheit weben ein Handlungsmuster, das ebenso differenziert wie schlicht bei den Zuschauern ankommt. Der Riesenkerl erstarrt jedenfalls in seiner Attacke und sinkt in sich zusammen: „Dolores!“ stammelt er. „Verzeih mich. Die Leute ier auf der Brugge nix aben Umor!

„Hast du gehört? Preuß’n sind auch da. Klingt schon lustig und gestelzt, wenn sie versuchen, fränkisch zu sprechen.“ Bewusst sprach der Ur-Franke ohne fränkischen Einschlag, so dass man sein Hochdeutsch gut verstehen konnte und er nicht für einen Touristen – womöglich aus NRW gehalten wurde. Sein Kumpel, ein gewisser Aiwanger, fragte sich, ob der gewalttätige Riese nicht auch ein Preuße wäre, denn solche Schlägertypen kamen normalerweise nicht aus dem Frankenland, wo es doch ordentlich und gesittet zuging. „Womöglich ist der nur hierher geschickt worden, um uns zu ärgern und unser friedliches Brückenfest zu stören“, bemerkte Aiwangers Kumpel traurig. „Ich glaube, ich werfe den Riesen doch noch in den Main.“

Bevor die beiden Männer zur Tat schreiten konnten, drängte sich die Frau im roten Kleid nach vorn. Sie schrie den Riesen an: „Was denkst du dir eigentlich? Du hast den Sicherheitsmann verletzt und jetzt faselst du etwas von Humor. Das hat nichts mit spanischem Humor zu tun! Ich schäme mich, deine Schwester zu sein. Außerdem müssen wir zurück ins Theater, entschuldige dich bei den Leuten und beeile Dich gefälligst, Leon!“ Die Umstehenden mussten erst einmal alle Informationen verarbeiten. Eine Frau zog die aktuelle Ausgabe der Main-Post aus ihrer Tasche. Auf dem Titelblatt war ein Photo eben dieses Mannes zu sehen. Darüber prangte die Schlagzeile: Sensation am Mainfranken Theater in Würzburg – Leon Garcia Lorca singt den Toby in Menottis Oper „Das Medium“.

Leon stoppte kurz, schnaubte wie ein Stier in einer spanischen Arena kurz bevor er zu einem Angriff auf den Torero startet. Sein Blick wechselte wild zwischen seiner Schwester, Julian und den beiden Franken hin und her. Perlen von Schweiß bildeten sich auf seiner Stirn und die Adern am Hals und auf seinem mächtigen Bizeps schwollen an. Seine mächtige Füßen suchten halt auf der Brücke um gleich einen Angriff zu starten, der seinesgleichen sucht. Er war zwar in der Minderheit, doch das hatte ihn noch nie gestört. Das Wort Angst kam in seinem Wortschatz nicht vor, doch da ertönte die Stimme seiner Schwester ein zweites mal.

„Fabricio Maria, benimm‘ dich nicht wieder daneben. Weißt du, dass du für deinen Zwillingsbruder gehalten wirst? Der singt wenigstens im Theater, während du hier herumschlägerst. Entweder du benimmst dich jetzt und entschuldigst dich bei den Menschen, denen du zu nahe getreten bist oder ich zieh‘ dir die Ohren lang.“ Erschrocken von der entschlossenen Geste seiner Schwester zuckte der Riese zusammen. „Entschuldigung“, murmelte er leise zu den Umstehenden unter denen keiner war, den er beleidigt oder belästigt hatte. Diese hatten es vorgezogen, sich in stille Ecken zurückzuziehen, in denen es friedlich zuging. Überraschend tauchte sein Zwillingsbruder auf.

Die Stille wurde durch ein starkes Grollen, das wohl aus Richtung Veitshöchheim kam, unterbrochen. Schneller als erwartet zog, auch aus der selben Richtung kommend, eine gewaltige Gewitterfront auf. Die weinseligen Besucherinnen und Besucher eilten Richtung Stadtmitte und versuchten eine der wenigen Taxen zu ergattern. Das Gewitter brachte einen ergiebigen Regen mit. Die Wälder und Gärten werden wohl dankbar sein. Die heimwärtsströmenden Menschen- mengen nicht. So endete der Versuch einen netten Abend mit Freunden zu verbringen anders als erwartet. Praktisch “ins Wasser gefallen”.

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Fußnote   [ + ]

1. Bedeutet: eigentümliche Sprache, Sprechweise einer regional oder sozial abgegrenzten Gruppe

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